Vor dem Hintergrund der modernen Austattung öffentlicher Verkehrsmittel bildet das menschliche Chaos einen erfrischenden Kontrast. Im jedem Bus gibt es hier zwei Fernseher in denen ein spezielles tägliches Busprogramm läuft. Mit Nachrichten, Kultursendung und natürlich viel Werbung.
Letzte Woche sah ich dort wie in Frankreich die Fackelträger angegriffen wurden. Im Anschluss an diese Szenen wurden China-Fähnchen-haltende Franzosen interviewt. Keine Frage, empört waren die. Danach gab man Chinesen vor Ort die Möglichkeit im Interview ihre nationale Gesinnung unter Beweis zu stellen.
Im Bus hat es niemanden interessiert. Sowieso, in meinem Umfeld spricht man kaum über die Olympiade, die Spiele sind weit weg und haben nichts mit den Herausforderungen des alltäglichen Lebens in Shanghai zu tun. Was die Menschen sorgt sind eher die Inflation und rapide steigende Preise. Milch ist nun dreimal so teuer wir noch vor 2 Jahren. Steigen die Lebensmittelpreise, so werden auch zwangsläufig die Kosten für Arbeitskraft steigen. Betriebe werden sich nicht mehr so großzügige Zahlen von Angestellten leisten können, Arbeitslosigkeit wird explodieren. Vielleicht werden wir in China dann erleben, was dieser Tage in Haiti geschieht. Auch bei uns werden dann Produkte teurer werden. Wir werden dann aus dem Konsumtraum, den wir bisher wegen China träumen konnten, aufwachen. Keine Frage, neben der Umweltzerstörung sind die steigenden Lebenskosten die wahren Probleme hier in China, Probleme die auch den Rest der Welt betreffen. Der Westen Chinas, indes, ist weit weg.
Nur nicht in Europa. Dort badet man im Gutmenschentum. Wurden gewalttätige Proteste während des G8 noch verteufelt - es hieß, Gewalt sei kein legitimes Mittel des Protests - so regt sich kaum jemand über die Ereignisse in Paris auf. Stillschweigendes Einverständnis, insbesondere bei den Medien (z.Bsp. Süddeutsche Zeitung, Spiegel-Online), denn es geht ja um einen guten Zweck: Befreiung und Freiheit. Und so wird diskutiert, protestiert und eventuell sogar boykottiert.
Warum das nichts bringen wird? Hier 3 Gründe:
1. Die Chinesen haben dort ordentlich investiert, insbesondere in die Hauptstadt Lhasa. Mittlerweile leben und arbeiten in Tibet viele Chinesen, natürlich auch, weil die chinesische Regierung in der Vergangenheit entsprechende Anreize geboten hat. Man kann das entweder Kolonialisierung oder Entwicklungspolitik bezeichnen. Jedenfalls ist klar, das Geld, das Material, und vor allem die Menschen aus China werden nicht so einfach aus Tibet verschwinden, selbst wenn es die chinesische Regierung wollte.
2. China ist durch sein Wachstum ein selbstbewusster internationaler Akteur geworden. Mit Drohgebärden und Boykotten wird man China nicht beeindrucken können, dazu ist es zu spät. In der Tat, nicht Einsicht sondern Feindseligkeit wird man ernten. Häufig wird argumentiert, die Chinesen würden im Falle eines Boykotts ihr Gesicht verlieren und darum beleidigt reagieren (diese blöden Konfuzianer). Ich denke, wäre die USA heute Ausrichter der Spiele, wäre man in Amerika über Angriffe auf Fackelträger und Boykotte genauso sauer und würde weder Guantanamo auflösen, noch sich aus dem Irak zurückziehen.
3. Vor 50 sind Mao Zedongs Armeen ins Land marschiert. Das heißt, die Angliederung Tibets an China spielt eine wichtige Rolle im Gründungsgeschichte des modernen China. Die chinesische Regierung kann schon deshalb ihre Position hier nicht aufgeben, oder wenigstens relativieren, weil dies ihre historisch gewachsene Herrschaftslegitimation im Kern erschüttern würde. Was folgen würde ist klar, auch andere Minderheiten in China (beispielsweise die Uiguren im Nordwesten, würden ihre Unabhängigkeitsbestreben forcieren). Dann wäre ein Bürgerkrieg denkbar. Ein solcher Krieg, wäre aufgrund der gegenwärtigen Bedeutung Chinas auch schnell ein Weltkrieg.
Die chinesische Regierung wird sich in der Tibet-Frage nicht bewegen. Nicht nur weil sie nicht will, sondern auch, weil sie nicht kann. Man darf in Deutschland nicht den Fehler begehen die Verhältnisse der DDR mit denen von China heute zu vergleichen (ich glaube, dass das sehr häufig geschieht). In China hat die Zentralregierung relativ wenig Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen. Zu groß ist das Land, zu viele Menschen, Sprachen und Kulturen gibt es. Hier herrscht extrem viel Bewegung, vieles völlig unkontrolliert. Das war schon immer so, und deshalb versuchten Chinas Herrscher immer vor allem eines: Einheit zu schaffen, wo eigentlich keine ist. Das immer mehr recht als schlecht funktioniert und auch die KP heute ist da nur begrenzt erfolgreich. Besonders wichtig für Einheitsbildung ist natürlich der Nationalismus. In gilt es zu stärken und zwar funktionell gebunden an die KP. Wie gesagt, das ist in China schwerer als man bei uns denkt (man hat Nationalismus bei uns schon zu sehr verinnerlicht). Ich erlebe die Chinesen als wenig nationalistisch. Man singt die Nationalhymne nicht, behängt sich nicht in den Nationalfarben, redet wenig über China und wenn dann eher in negativer Weise: Deutsche Autos gut, Chinesische Autos schlecht (Ganz im Gegensatz dazu die Vietnamesen, die natürlich weitaus homogener als die Chinesen sind und ihren Nationalismus auf einen Siegermythos begründen). Deshalb wird in den chinesischen Medien immer wieder das gleiche Nationalprogramm runtergeleiert und deshalb braucht China auch die Olympischen Spiele. Um die Chinesen in Shanghai, Kunming und Hongkong und sonstwo (außer Peking) daran zu erinnern, dass man eins ist unterm Himmel (meint: einer politischen Führung).
China wird Tibet nicht aufgeben. Das wissen auch die Organisationen, die für seine Freiheit eintreten. Vor allem wissen sie, dass jeder Protest zur Folge hat, dass das Leben der Menschen für die man anderswo protestiert nur noch beschwerlicher wird. Das ist schon seit Jahrzehnten so. Ihre Strategie ist gescheitert, denn das Hauptargument war und ist, dass man den Menschen im Land helfen will. Man muss daher fragen, warum protestieren diese Organisationen dann eigentlich noch?
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